Unsichtbare Frauen?

Dam som skriver brev / Lady Writing a Letter, by Albert Edelfelt.
Nationalmuseum, Sweden | Public Domain Mark

Das Thema beschäftigt mich schon seit ich in der Schulzeit herausgefunden habe, dass es einen Literaturkanon und Literaturkritiker gibt, die Bücher für gut oder weniger gut befinden. Seitdem frage ich mich immer mal wieder: Wer bestimmt, welche Bücher und Autoren dort auftauchen? Und ist es Zufall, dass sich dort so wenige Frauen befinden? Schreiben Frauen einfach schlechter? Oder treffen sie nur schlechter den Geschmack der Literaturkritiker? Gilt Literatur von Frauen, die andere Frauen anspricht, per se als trivial?

Ich freue mich, dass Rhiannon vom Blog Schreiben als Hobby einen in diese Richtung gehenden Kommentar von mir gleich aufgegriffen hat, um das Thema zur Diskussion zu stellen. Ich bin gespannt auf die Antworten. Ein paar sind schon eingegangen und deutlich wird, dass der Begriff „Frauenroman“ an sich negativ besetzt ist und dass der Begriff auch keinen Sinn ergibt, denn es ist kein Genre an sich. Deshalb möchte ich das Wort hier auch nicht verwenden oder definieren.

Ich bin nicht die einzige, die sich diese Fragen gestellt hat. Es gibt auch Menschen, die darüber forschen. Interessant finde ich beispielsweise dieses Interview mit Doktor Veronika Schuchter im Deutschlandfunk. Ihre These ist, dass Mädchen von klein auf mit von Männern verfassten Texten sozialisiert sind (dank des männlich dominierten Literaturkanons) und es ihnen leichter fällt, auch männliche Perspektiven einzunehmen. Umgekehrt wird Mann seltener mit weiblichen Sichtweisen konfrontiert und kann zu Büchern aus Frauenperspektive schlechter einen Zugang finden.

Immer wenn es um Gender geht, wird es meiner Meinung nach schnell pauschal. Menschen sind sehr unterschiedlich und ich will mir hier kein Urteil erlauben. Aber ich würde die Fragen gern zur Diskussion stellen:

Haben die Autoren deiner Lieblingsbücher das gleiche Geschlecht wie du?

Gibt es überhaupt „männlichere“ und „weiblichere“ Arten zu schreiben?

Zahlen bitte!

Das „Frauenproblem“ im Literaturbetrieb greifen auch andere auf, z.B. Katy Derbyshire in diesem ZEIT-Artikel. Sie trägt eine Reihe Zahlen zusammen, die belegen, dass Bücher von Frauen nicht nur gefühlt seltener übersetzt werden und auch weniger Preise gewinnen, sondern auch real.

Auch Nina George hat sich in ihrem Artikel im Börsenblatt Zeit genommen, nachzuzählen. Sie stellt fest, dass Bücher von Frauen seltener in den renommierten Verlagen erscheinen, dass sie weniger Preise (und Nominierungen dafür) erhalten und auch weniger Geld.

A woman with long red hair is lying down reading a book. Coloured mezzotint by Jean Jaques Henner. Wellcome Collection. CC BY

Gefühl = Kitsch?

Außer den bloßen Zahlen, die ja wie immer auch die Geschlechterverteilung in den Jurys, Feuilleton-Redaktionen und Verlagen spiegeln, greift Nina George ein anderes wichtiges Thema auf. Es sind die von Frauen aufgegriffenen literarischen Themen, die ein männliches Publikum oft einfach nicht genauso ansprechen wie ein weibliches. Und je mehr es um Gefühle geht, desto schneller könnte es sich auch um Kitsch handeln, nicht wahr? Bei Kritikern und Jurys eher gefragt sind nüchterne, analytische Bücher.

Zum Nachdenken anregend finde ich Nina Georges Schlussfolgerung:

„Für mich liegen die Antworten auf die Frauenfrage auch NEBEN dem Literaturbetrieb. In der Erziehung, in der Auswahl von Lehrmaterialien, in der Gesellschaft, ihren Leit-Memen, und dem Rollback zur Rosa/Hellblau-Simplifizierung. Und: in den Hauptfiguren, die wir, die Autorinnen und Autoren, erschaffen. Welches Bild zeichnen wir denn von Frauen und Männern? Auch das wird, neben aufgeregten Debatten zu Quoten, zu hinterfragen sein.“

Nina George im Börsenblatt

Damit hat sie recht, denn es ist schließlich kein ausschließliches Phänomen im Literaturbetrieb. In der bildenden Kunst, in der Musik und z. T. auch in der Politik sieht es nicht anders aus.

Mit diesen Gedanken werde ich nun meine eigenen weiblichen Romanfiguren und die meiner Lieblingsautoren begutachten. Was sind das eigentlich für Frauen? Haben sie das Zeug, die Gegenwart oder Zukunft zu ändern? Oder bediene ich auch nur die gleichen Klischees, über die ich mich gerade beschwere?

Dazu vielleicht in einem anderen Blogpost mehr.

2 Kommentare

  1. Zahlen mögen eine Sache sein. Betrachten wir in der Geschichte, wie viele Frauen unter männlichem Pseudonym bereits im 19. Jahrhundert veröffentlicht haben, so ist es wie mit der Verpackung. Wir kaufen etwas, weil die Verpackung hübsch oder ansprechend ist.
    Im weitesten Sinne ist es mit dem Namen des Autors auch nichts anderes.

    Glauben wir als Leser, dass weibliche Charaktere so viel anders sind als männliche? Manche Autoren nutzen dann den Kunstgriff und weichen auf andere Wesen aus. Taktisch nicht schlecht, solange es in die Handlung passt.

    Ich widme mich derzeit Tierromanen, Geschichten mit Katzen, Raben und ähnlichem … aber wenn ich eine meiner Romanfiguren betrachte wird klar, es ist schwierig einen weiblichen Hauptcharakter in eine eher männlich besetzte Rolle zu verfrachten in einer Ära wie dem 18. Jahrhundert.
    Aber sollten wir uns deshalb vom Schreiben abhalten lassen?

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    Antworten

    1. Danke für deinen langen Kommentar! Du hast recht, das schöne am Schreiben ist ja, dass man seiner Fantasie freien Lauf lassen kann und ich hab auch die Erfahrung gemacht, dass man geradezu innerlich blockieren kann, wenn man nur daran denkt, wie andere das Geschriebene wahrnehmen und bewerten würden. Im Grunde schreiben wir ja zuerst einmal für und, weil es Spaß macht. Und wenn es dann noch jemanden interessiert, umso besser.
      Tiergeschichten sind ein guter Ansatz, dann ist man auf völlig neutralem Terrain. Auch mit eher androgynen Figuren könnte man experimentieren.
      Ganz viele Grüße,
      Tala

      Gefällt 1 Person

      Antworten

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