Lügen, Wahrheiten und einige Klischees im romantischen Cornwall

Manche Orte scheinen sich als besonders begehrte Romanschauplätze zu manifestieren. Cornwall zum Beispiel. Als ich neulich die drei Bücher der Lügenwahrheit („Ein Augenblick für immer“) von Rose Snow verschlungen habe, war meine Lektüre von Sandra Regniers Pan-Trilogie noch gar nicht so lange her. Deswegen kam mir das wildromantische Setting mit tosendem Meer, kleinen Küstenorten und Steinkreisen doch sehr bekannt vor. Aber von Anfang an.

Das Cover "Ein Augenblick für immer - Das erste Buch der Lügenwahrheit" von Rose Snow fotografiert an einem Baumstamm
Cover „Ein Augenblick für immer – Das erste Buch der Lügenwahrheit“ von Rose Snow

Zwei mysteriöse Jungs und eine aufregende Gabe

Die Bücher der Lügenwahrheit ordnen die Autorinnen selbst ins Genre „Romantasy“ (Romanze + Fantasie) ein – die Hauptfiguren sind etwa 17 Jahre alt. Obwohl ich schon länger keine 17 mehr bin, lese ich auch solche an Jugendliche gerichtete Romane sehr gerne.

Ich mag die Grundidee von Rose Snows Lügenwahrheit-Trilogie: Die Hauptperson June zieht von Frankfurt nach Cornwall, um ein Jahr bei ihrem Onkel zu wohnen, dort in eine Schule zu gehen und sich aufs Studium vorzubereiten. Dort erwacht in ihr eine geheimnisvolle Gabe, die sich scheinbar innerhalb der Familie vererbt: Nach dem Besuch eines Steinkreises kann sie plötzlich zielsicher zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden. Den Steinkreis hätte es meiner Meinung nach dafür nicht unbedingt gebraucht, er wird in vielen anderen Romanen schon quasi überstrapaziert. Aber mit Lüge und Wahrheit lassen sich hervorragende Konflikte und Gedankenspiele zaubern. Für zusätzliche Spannung sorgen Junes beiden geheimnisvollen Cousins, ihre magischen Gaben und die Dreiecksbeziehung, die sich dann entspinnt. Und ein Fluch, den es aufzuhalten gilt.

B. Cotham (-), Water Mill Lamorna Cove, Cornwall, 19th century (Quelle: Statens Museum for Kunst, Europeana, CC0)

Durchgehend spannend – leider zu viele Klischees

Das Autoren-Duo Rose Snow schafft es, die Spannung in der Geschichte durchgehend aufrecht zu erhalten und schreibt auch mit einem gewissen Humor. Am witzigsten finde ich, dass die Hauptperson June den Tick hat, hin und wieder an mehr oder weniger passenden Stellen Statistiken einzuwerfen. Ich liebe Statistiken 😉 Ich mag den Schreibstil von Rose Snow wirklich, weshalb ich sicher auch einige ihrer anderen Buchreihen lesen werde.

Meine Lieblingsfiguren im Buch sind Junes neue britische Freunde Lily und Grayson, die mit ihrem witzigen Geplauder die Geschichte angenehm aufmischen.

Für meinen Geschmack hätte der Fluch kein „echter“ (klischeehafter) Fluch (mit Donner, Geist, Hexe, Leiche und allem drum und dran!) sein müssen. Und dann noch in Cornwall, wo Flüche und Magie offenbar an jeder Ecke lauern. Die Spannung um die geheimnisvollen Gaben hätte vielleicht auch etwas subtiler aufgebaut werden können, überraschender womöglich.

Die begehrten Cousins müssten wegen mir auch nicht quasi überirdisch gut aussehen und noch dazu abnormal reich sein. Ich meine, welche Art von Männern möchte Frau Anno 2020 denn anschmachten? Offenbar müssen sie immer noch gutaussehend, stark und etwas schroff und noch dazu reich sein… Ich weiß gar nicht, WIE OFT Cousin Blake Hauptperson June insgesamt retten musste! Dabei ist sie beschrieben als ein intelligentes, schlagfertiges, sportliches Mädchen.

Alles in allem bekommt man hier aber zuverlässig unterhaltsame und spannende Lektüre. Für einen lange bleibenden Eindruck reicht es bei mir allerdings nicht.

Wie ist deine Meinung? Welche Klischees aus Romanen liest du gerne/nicht so gerne und warum?

Wilde Sprünge: die Zeitreisen-Trilogie von Julie Cross

Der Zeitreise-Trilogie von Julie Cross muss ich einfach einen eigenen Blogpost widmen, so tief bin ich in den vergangenen Tagen in diese Welt eingetaucht! Konkret geht es um die drei Bände „Sturz in die Zeit“, „Feinde der Zeit“ und „Sturm der Zeit“, die aufeinander aufbauen. Sie sind Liebesgeschichte, Science-Fiction/Fantasy und Agenten-Thriller in einem.

Der Central Park in New York spielt eine zentrale Rolle in Julie Cross‘ Trilogie.
Foto: ORCInternational/Pixabay

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der 19-jährige Jackson Meyer, der in einem schicken Apartment in New York wohnt, eine tolle Freundin (Holly) und einen besten Freund (Adam) hat und Literatur studiert. Sein Vater ist viel unterwegs, die Zwillingsschwester mit 14 gestorben und die Mutter ist noch viel länger tot. Als Leser lernt man Jackson erst nach und nach kennen. Ich fand es zuerst ungewöhnlich, dass eine Liebesgeschichte dort beginnt, wo das Paar schon einige Monate glücklich zusammenlebt – quasi da, wo andere Bücher aufhören. Aber kein Wunder, Julie Cross schafft es meisterhaft, dass sich ihre Figuren immer wieder von neuen kennen und lieben lernen müssen. Denn Jackson hat gerade herausgefunden, dass er durch die Zeit reisen kann. Zusammen mit seinem besten Freund experimentiert er damit, erforscht die ungewöhnlichen Fähigkeiten. Bis plötzlich zwei Männer auftauchen und Holly erschießen. An der Stelle hat man Holly noch gar nicht richtig kennengelernt. Jackson springt unter Schock in die Vergangenheit und kann nicht mehr zurück. Holly und Adam kennen ihn (noch) nicht, die Schule will er auch nicht nochmal besuchen und vor allem will er verhindern, dass der Mord nochmal geschieht. Dabei tauchen nach und nach mehr Rätsel und Geheimnisse auf.

Nichts ist, wie es scheint. Nichts ist endgültig. Alle Personen verändern sich, Tod ist nicht endgültig, die Zeit keine feste Größe. Die Zukunft ist veränderlich, die Folgen sind nicht abschätzbar. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass so viele spannende Szenen so dicht aneinanderreihen konnte und trotzdem ergibt am Ende alles noch einen Sinn. Auch wenn man sich zwingt, das Buch kurz wegzulegen, grübelt man weiter über Konsequenzen und Lösungen nach.

Neben der tollen Erzählweise mag ich besonders die tiefgründigen und vielschichtigen Figuren. Alle haben Stärken und Schwächen, entwickeln und verändern sich. Darüber hinaus bieten die Romane auch Stoff, über zukünftige Entwicklungen und ihre Konsequenzen nachzudenken – zum Beispiel über die Auswirkungen von Klonen, Kriegen, Stürmen, Virus-Pandemien. Manches war als ich es 2020 gelesen habe, erschreckend aktuell.

All das macht für mich ein gutes Buch aus. – Eine klare Empfehlung!

Als ich gerade nach Illustrationen für den Beitrag suchte, bin ich über einen Trailer und ein Musikvideo zum Buch gestolpert:

Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich es gut finde, Romanfiguren in Trailern und auf Buch-Covern bildlich darzustellen. Sie entsprechen so gut wie nie dem Bild, was ich beim Lesen im Kopf habe. Das ist ja gerade das Schöne am Lesen – das Kopfkino. Aber das ist schon wieder Stoff für einen neuen Blogpost!

Lese-Marathon: 10 Zeitreise-Romane

Zeitreisen als Stoff für Geschichten interessiert mich schon lange und gerade schreibe ich auch selbst an einem Zeitreise-Roman. Derzeit bleibt viel Zeit zum Lesen – Dank E-Book-Reader kommen die Bücher auch superschnell zu mir… In den letzten drei Monaten habe ich 10 Bücher gelesen, in denen es auf die ein oder andere Art um Zeit geht – Inspiration und Selbststudium.

Uhr um 1650 | aus der Sammlung des Victoria and Albert Museum in der Online-Bibliothek Europeana , Lizenz: CC BY

Kerstin Gier: Rubinrot / Smaragdgrün / Saphierblau

Seit Kerstin Gier 2009/10 mit ihrer Edelstein-Trilogie einen Bestseller landete, sind ziemlich viele Zeitreise-Romane im Jugendbuch-Genre erschienen, was ich erst bemerkt habe, als ich 2019 auf Kerstin Giers Bücher stieß. Obwohl ich leider nicht mehr jugendlich bin, hab ich die drei Romane in kurzer Zeit verschlungen. Kurz zusammengefasst geht es um ein 16-jähriges Mädchen namens Gwendolyn Shepherd, deren Familie sich gerade auf die erste Zeitreise von Gwendolyns verwöhnter Cousine Charlotte vorbereitet, die ein geheimnisvolles Zeitreise-Gen geerbt haben soll. Als dann aber nicht Charlotte, sondern Gwendolyn in der Zeit springt, gerät die Familie und eine Geheimgesellschaft in Aufruhr. Natürlich darf auch eine Liebesgeschichte und jede Menge Action nicht fehlen, doch ich wage zu behaupten, dass der Erfolg der Geschichte auch maßgeblich mit Kerstin Giers witziger Erzählweise zusammenhängt. So ist die Edelstein-Trilogie eine tolle Mischung aus Kriminalgeschichte, Romanze und Komödie.


Michael J. Sullivan: Zeitfuge

Ellis Rogers, ein 58-jähriger Wissenschaftler aus Detroid, hat in seiner Garage eine Zeitmaschine gebaut und als er erfährt, dass er unheilbar krank ist, probiert er sie aus und landet in einer fernen Zukunft. Die ist anders als er erwartet hat und er eine Sensation. Ich will nicht zu viel verraten, daher führe ich das jetzt nicht näher aus. Das Buch wirft an Hand dieser Zukunftsvision Fragen zur Gegenwart auf, die von unserem Umgang mit unserem Planeten über die Rolle von Religion bis hin zur Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen reichen. Schade, dass letzteres anno 2020 überhaupt noch ein Thema sein muss – für den fast 60-jährigen amerikanischen Protagonisten offenbar schon. Das Buch hat mich zugegebenermaßen nicht von Anfang an gepackt, es fiel mich schwer, mich in einen schwer kranken älteren Herrn einzuleben. Aus einer beinahe rein männlichen Perspektive geht es um irgendwie auch sehr amerikanische Probleme. Es hat ein paar Wochen gedauert, bis ich durch die ersten Kapitel gekommen bin. Aber sobald die Zeitreise endlich begonnen hatte, konnte mich die Geschichte so fesseln, dass ich sie zügig zu Ende gelesen habe.


Elisabeth Dommer: Sonnenwindhaus

Eine faszinierende Vorstellung: Zur Abwechslung einmal kein einzelner Mensch, sondern ein ganzes Haus reist durch die Zeit. Von einem Tag auf den anderen verschwindet Tristan Röver, der Klavierlehrer des Mädchens Annelie. Nach 11 Jahren taucht er wieder auf, allerdings um Jahrzehnte verjüngt und im Glauben, im Jahr 1930 zu leben. Elisabeth Dommer erzählt vom Zeitgeschehen, den bewegenden Lebensgeschichten verschiedener Menschen, von Liebe und Liebe zur Musik. Trotz nachdenklicher, in sich gekehrter Hauptpersonen und einer ruhigen Erzählweise fesselt die Geschichte. – Ich hab sie in nur zwei Tagen durchgelesen.


Sandra Regnier: Die Lilien-Reihe

Bei einem Ausritt mit ihrer Freundin landet die 16-jährige Julia plötzlich im Frankreich des 17. Jahrhunderts und trifft direkt auf eine Jagdgesellschaft Ludwigs XIV. Es sei einmal dahingestellt, ob der „Sonnenkönig“ wirklich ein kurios gekleidetes Mädchen an seinem Hof aufgenommen hätte, doch das Gedankenspiel gibt dem Leser die Gelegenheit tief in die Intrigen von Versailles einzutauchen. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Autorin viel recherchiert und sich um historisch korrekte Fakten bemüht hat. Am Ende des Buchs erläutert sie genau, an welchen Stellen sie der Handlung zuliebe von der wahren Geschichte abgewichen ist. Herausgekommen ist eine unterhaltsame und auch spannende Geschichte mit Intrigen, Liebe und Kriminalfällen. Der einzige Makel des Buchs ist aus meiner Sicht das Ende, das mich mit großen Fragezeichen zurückgelassen hat. Inzwischen hab ich zwar auch die Erklärung der Autorin (Spoiler-Alarm!) dazu gelesen, aber so richtig zufriedenstellt mich das nicht.


Katharina Münz: Aus der Zeit gefallen

Eine Story, die zwar beim besten Willen nicht jugendfrei ist, aber durchaus ihren Reiz hat: Was wäre wenn es einen Wikinger direkt in unsere Gegenwart verschlagen würde? Katharina Münz erzählt die Geschichte sehr witzig aus ständig wechselnden Blickwinkeln, was sie auch sprachlich sehr eindrucksvoll kennzeichnet. Dieser Erzählstil stellt für mich das Herzstück des Romans dar und macht ihn auch so besonders. Gleichzeitig ist das Buch mitreißend und spannend geschrieben. Verzichten könnte ich persönlich gut und gerne auf Anspielungen von Romanen befreundeter Autoren und auf Rezepte, die in der Geschichte vorkommen und im Anhang weiter ausgeschmückt werden.

Triumph der Zeit, Blatt aus der Folge der Triumphe nach Petrarca . Pencz, Georg. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (Europeana.eu, CC0-Lizenz, freie Nachnutzung)

Sandra Regnier: Die Pan-Trilogie

Sandra Regniers Pan-Trologie nimmt den Leser nicht nur mit auf Zeitreise, sondern in eine Welt mit Menschen, Elfen, Nixen und Drachen. Bis ein (unglaublich gut aussehender) neuer Mitschüler namens Leaner FitzMor an ihre Schule kommt, hat Hauptperson Felicity Morgan ein eher normales Leben geführt, wenn sie auch neben der Schule ihrer Mutter abends in deren Pub aushelfen muss. Sympatisch macht sie, dass sie in ihrer Außenseiterrolle trotzdem selbstbewusst und schlagfertig ist und sich von Äußerlichkeiten nicht blenden lässt. Möchte man sich auf Elfen und Drachen einlassen, dann wird man mit einer sehr unterhaltsamen, spannenden Geschichte belohnt. Auch einige Ausflüge in die Vergangenheit sind dabei, wobei die in der Geschichte meines Erachtens keine zentrale Rolle spielen, sondern eher eine von vielen vorkommenden übernatürlichen Fähigkeiten sind. Gut fand ich, dass es im Buch keine klaren Linien zwischen „Gut“ und „Böse“ gibt. Zum Ende der Reihe hin hatte ich das Gefühl, dass die Autorin die Geschichte schnell beenden wollte – plötzlich ging es mir zu schnell und als Leser bekam man kaum Zeit, um von plötzlich sterbenden wichtigen Figuren gebührend Abschied zu nehmen.


Tanja Neise: Der Orden der weißen Orchidee 1 & 2

Die junge Übersetzerin Marie erbt den alten Bauernhof ihrer Urgroßmutter, die sie kaum kannte. Mit dem Hof „erbt“ sie aber auch ein Geheimnis, das sie durch die Zeit ins 19. Jahrhundert führt. Dort verliebt sie sich nicht nur, sondern gerät auch in Lebensgefahr und noch tiefer in die Vergangenheit. Ich bin auf die Geschichte aufmerksam geworden, weil die Zeitreise hier durch Bäume funktioniert. Die beiden Bücher lesen sich flüssig und unterhaltsam, wenn ich auch manchmal das Gefühl hatte, dass ich mich als Leser nicht genug in die Hauptpersonen einleben konnte und dass teilweise in der Geschichte einfach zu viel Zeit ins Land ging.


Myra McEntire: Hourglass (Teil 1)

Die Geschichte klang eigentlich spannend und war es in gewisser Weise auch: Die 17-jährige Emerson Cole, geprägt von einer traumatischen Vergangenheit, sieht Szenen aus vergangenen Zeiten mitten in ihrer Umgebung. Erst Michael Weaver von der geheimnisvollen Forschungseinrichtung Hourglass scheint sie zu verstehen. Durch ihn gerät Emerson blitzschnell in einen Strudel der Ereignisse und lernt in kurzer Zeit gefühlt hundert Menschen mit Superkräften kennen. Mir ist es etwas schwer gefallen, mich in Emersons Persönlichkeit – einerseits zurückgezogen, weil traumatisiert, andererseits schlagfertig und entschlossen – einzuleben. Zum anderen fand ich es sehr irritierend, als wie abgöttisch schön und perfekt Michael Weaver beschrieben wurde. Darüber hinaus fand ich die Handlung zu schnell und zu sprunghaft. Die Autorin nahm sich kaum Zeit, die verschiedenen, teilweise nicht unbedingt notwendigen mit geheimnisvollen Kräften begabten Figuren vorzustellen. Die Protagonistin akzeptierte die übernatürlichen Geschehnisse erstaunlich gelassen und wurde flux zur Heldin – ein bisschen wie Matrix im Schnelldurchlauf. Mich zumindest hat diese Erzählweise davon abgehalten, mir Band 2 zu kaufen.


Sabineee Berger: Zeitreise eines Ritters

Dieses E-Book hab ich mir gekauft, weil ich den Gedanken spannend finde, einen Ritter in die Gegenwart reisen zu lassen. Allerdings fand ich den Roman zwar in gewisser Weise unterhaltsam und teilweise witzig, aber nicht besonders tiefgründig. Weder hatte ich den Eindruck, dass eine historisch tiefgründige Recherche stattgefunden hat, noch dass ich mich als Leser besonders gut in die Figuren einleben konnte.


Katrin Brückmann: Feuer der Zeit

„Feuer der Zeit“ lehnt sich etwas an Diana Gabaldons Klassiker „Outlander“ an, nur, dass die Liebesszenen bei Katrin Brückmann nicht ganz so mitreißend und die Figuren nicht so überzeugend ausgearbeitet sind. Durch ein Mittsommernachtsfeuer gelangt die Hauptperson Rena direkt ins alte Germanien. Ihre Motivation, diesen Schritt bewusst zu tun, fand ich nicht ganz glaubwürdig. Allerdings scheint recht viel historische Recherche in die Romane eingeflossen zu sein, man erfährt einiges über die Zeit. Trotzdem gingen mir die Geschehnisse nicht richtig nahe, ich konnte mich nicht ganz in die Personen einleben. Den dritten Band habe ich dann auch nicht mehr gelesen. – Wobei ich auch bei Diana Gabaldon irgendwann nach 4 oder 5 Bänden aufgegeben habe. Manchmal ist weniger mehr.

Ich gestehe, ich lese bereits an einem weiteren Zeitreise-Roman – es wird wohl eine Fortsetzung dieses Blogposts geben müssen.

Was fasziniert euch an Zeitreisen?

MANN ist auch „nur“ ein Mensch

Der Paar- und Sexualtherapeut Eilert Bartels hat 2019 das Buch „huMANNoid | Männer sind Menschen“ veröffentlicht, das mich sehr bewegt hat. Auffällig, dass man den Zusammenhang Mann = Mensch und Frau = Mensch anno 2020 noch betonen muss, nicht wahr? Aber ganz offensichtlich bleibt es notwendig. – Eine Buchvorstellung*.

Das Buch ist eine Interviewsammlung der besonderen Art. Insgesamt standen für das Projekt 16 Männer zwischen 26 und 75 Jahren nackt vor der Kamera und haben im Interview persönlichste Fragen beantwortet.

Buchseite aus „huMANNoid“ von Eilert Bartels

Die Fotos selbst sind schon einmal insofern ungewöhnlich, dass die Fotografierten keine Models sind und die Bilder nicht bearbeitet. (Wer die Fotos genauer ansehen möchte, kann hier eine Galerie sehen.) An solche Bilder sind die meisten von uns nicht gewöhnt, weder bei Frauen- noch bei Männerkörpern – es sei denn, man geht hin und wieder in die Sauna oder zum Nacktbaden. Und obwohl ich eher zur letzteren Gruppe gehöre, musste ich mich erst einmal langsam an die vollflächig bedruckten Buchseiten mit den unbekannten Männern herantasten. Bezeichnenderweise habe ich sie zunächst abgedeckt und erst einmal gelesen. Je mehr ich gelesen habe, desto mehr entstand bei mir das Gefühl, die Person auf den Bildern kennenzulernen. Und ab einem bestimmten Punkt, fiel es mir dann auch nicht mehr schwer, mich auf die Bilder einzulassen und sie genauer zu betrachten.

„Plötzlich soll ich meinen Körper oder den Körper anderer Männer schön finden?“

– Zitat aus einem Interview in huMANNoid

In den Interviews ging es konsequent nicht um Job, Familienstand, Rollen und gesellschaftlichen Status aller Art. Vielmehr standen immer die gleichen psychologischen Fragen im Mittelpunkt: Was bereitet dir Freude, Trauer, Wut, Angst, Ekel, Lust? Letztere, die männliche Lust, auch zwischen Täter- und Opferrolle, spielte eine besondere Rolle. Das geht vermutlich auf die Prosession des Autors und auf einen der Anlässe zum Projekt zurück: die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015/16, die Männer (nicht zum ersten Mal) pauschal in eine Täterrolle drängten. In „huMANNoid“ wird auf beides eingegangen, indem Eilert Bartels seine Gesprächspartner zunächst fragt, ob sie selbst schon einmal psychische oder physische Gewalt erfahren haben. In diesem Moment beginnt man sich gemeinsam mit dem Interviewten mit der Materie zu beschäftigen und bemerkt, wie fließend hier die Grenzen sind zwischen dem, was als noch „normal“ und was bereits als übergriffig wahrgenommen wird. Durch diese Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen, fällt es dann leichter, im Interview auch darüber zu reflektieren, ob man selbst schon einmal übergriffig geworden ist. Ich persönlich habe mir mit jedem gelesenen Interview die Fragen auch selbst gestellt und kann es sehr empfehlen, sie einfach einmal an sich heran zu lassen.

Mich persönlich ärgert Ungerechtigkeit aller Art, die gegen Frauen, die gegen Männer, gegen Menschengruppen eben. Das fängt bei platten Witzen an, geht vorbei an groben Pauschalisierungen und hört bei spürbaren Benachteiligungen auf.

Inzwischen hat die Forschung meines Wissens gezeigt, dass es nicht das „typisch“ Weibliche bzw. Männliche gibt, sondern dass das Spektrum innerhalb der Geschlechter größer ist als zwischen den Geschlechtern. Es gibt also sowohl Frauen und Männer mit überwiegend männlich konnotierten Eigenschaften und Frauen und Männer mit überwiegend weiblich besetzten Charakterzügen. Das ist menschlich und vieles, was wir für „typisch das eine“ oder „typisch das andere“ ist von klein auf so erlernt.

Buchseite aus „huMANNoid“ von Eilert Bartels

Auch dieser Einfluss von Erziehung und Erfahrungen spielte in den Interviews eine große Rolle. Mit jedem Interview kamen auch neue Aspekte und Eindrücke hinzu. In Anbetracht von manchen Erlebnissen, die da geschildert wurden, begann ich mich immer dankbarer für mein eigenes Elternhaus und soziales Umfeld zu fühlen. Letztlich werden wir Menschen schließlich jahrelang durch unsere Umgebung geformt. Glücklicherweise verzichtete das Buch darauf, Männer pauschal in eine Opferrolle zu stellen, sondern verlangt dem Leser einfach einen genaueren, unvoreingenommenen Blick auf Menschen ab.

Obwohl das Spektrum der Interviewten sehr breit war, hatte ich trotzdem nicht das Gefühl, dass es ausgewogen war. Das liegt daran, dass alle Interviewten ja völlig freiwillig an dem Projekt teilgenommen haben, was wiederum jemanden leichter fällt, der bereits gründlich über seine Identität nachgedacht hat. Zumindest kam es mir so vor, als hätten überdurchschnittlich viele der vorgestellten Männer schon einmal in Männergruppen über ihr Mannsein nachgedacht oder waren in der Tandra-Szene aktiv. Gerne hätte ich den Männern (und Frauen) in meiner Umgebung genau die gleichen Fragen gestellt, um die Erfahrungen weiter einzuordnen. Bei dem Versuch bin ich allerdings vorerst abgeblitzt – und ich fürchte, dass viele nicht bereit sein würden, so viel von sich Preis zu geben und sich so intensiv mit sich selbst zu beschäftigten wie die von Bartels Interviewten. Für so viel Mut gebührt ihnen Anerkennung.

Trotzdem ist es mir nicht immer leicht gefallen, mich auf die interviewten Männer einzulassen. Natürlich bildet man sich ganz automatisch vorschnell eine Meinung zu einer Person. Manche Ansichten und Empfindungen konnte ich auch schlicht nicht teilen. Das Lesen eines Interviews hat mich dann dem Interviewten näher gebracht, ich hab ihn neu gesehen und zumindest verstehen gelernt – als Mensch gesehen. Eilert Bartels Buch lehrt uns, auch im Alltag genauer hinzuschauen, nachzufragen, den Menschen hinter der gesellschaftlichen Fassade zu sehen – kurz gesagt, mehr Empathie zu zeigen.

Perfekt wäre das Buch für mich gewesen, wenn es Menschen beiderlei Geschlechts vorgestellt hätte. Dann wäre überdeutlich geworden, wie ähnlich wir uns alle sind in unserem Denken, unseren Ängsten, Freuden und unseren Erfahrungen.

Eilert Bartels
huMANNoid – Männer sind Menschen
2018
336 Seiten
ISBN-13: 978-3943622386

*Für die Rezension wurde mir ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.